Gartenzwerge statt Rosengarten

Handball: Zweitligist PSV RE verabschiedet Samstag vier Spielerinnen – darunter auch Urgestein Annika Claus
von Olaf Krimpmann
Ein Kind von Traurigkeit ist Annika Claus nicht gerade. Irgendwie auch nie gewesen. Zusammen mit Anne Saxe taucht sie in der 2. Handball-Bundesliga Nord im Spitzenfeld unter den Strafbankköniginnen auf. Viel einstecken muss sie am Kreis ohnehin. Aber hart zupacken, das kann sie auch.
Ihr persönlich härtestes Spiel steht ihr noch bevor. Am Samstag feiert der heimische Zweitligist in der Halle Nord gegen den TSV Harrislee das Saisonfinale. Für Annika Claus wird es das letzte Spiel im PSV-Dress sein.
„Es geht einfach nicht mehr. Ich bin kaputt“, sagt die 34 Jahre alte Dorstenerin. Insgesamt zehn Jahre trug Claus das Trikot der PSV, seit 2002 ist sie ununterbrochen in der Halle Nord am Ball. In all‘ den Jahren ist sie zur absoluten Führungsspielerin gereift.
Kein Wunder, dass Annika Claus ausnahmsweise etwas mulmig zumute ist. „Kann sein, dass ein paar Tränen fließen werden“, sagt sie: „Es hat hier einfach zu viel Spaß gemacht. Denn ich gehe nicht, weil ich will, sondern weil es nicht mehr geht.“
Die Pause habe sie dringend nötig: Die Knochen spielen nicht mehr mit, zumal auch ihr Beruf als Gärtnerin sie noch körperlich Tag für Tag voll fordert. Auf keinen Fall, versichert Annika Claus, werde sie sich einem anderen Verein anschließen. „Die Telefonate können sich alle Trainer sparen.“ Denn wenn sie noch einmal spielen sollte, „dann nur für die PSV“.
Die schönen Momente, die überwiegen ganz klar. Ob der überraschende Aufstieg in die 2. Bundesliga oder aktuell die Pokalspiele in Greven oder gegen den späteren Cup-Sieger Oldenburg – die Highlights sind schnell erzählt. Die Kreisläuferin besitzt einen geradezu vorbildlichen Ehrgeiz. „Das schlimmste ist für mich, mit einem Tor zu verlieren“, sagt sie. Oder wenn es eigene Schuld ist. Dabei, sagt die 34-Jährige, könne sie durchaus verlieren. „Wenn die anderen besser waren.“ Aber eben auch nur dann…
Ihre Gedanken kreisen seit Tagen um ihren Abschied. Wie sie sich wohl fühlen wird nach all’ dieser Zeit, vermag sie nicht zu sagen. „Ich glaube, dass ich das erst weiß, wenn die Vorbereitung beginnt und ich nicht mehr beim Training sein werde.“ Angst, in ein Loch zu fallen, hat sie nicht, auch wenn sie ihren Sport stets mit hundertprozentiger Leidenschaft ausgeübt hat. „Das bin ich eben: Wenn ich etwas anpacke, dann mache ich es richtig.“
Sie wird die Zeit zu nutzen wissen. In Holland hat Annika Claus sich auf einem Campingplatz in Gendringen eine zweite Heimat aufgebaut und eine kleine Wohlfühl-Oase geschaffen – zweieinhalb Zimmer mit allem, was dazu gehört. Hier kann sie in Nachbarschaft zu ihren Eltern, die zugleich die guten Seelen des Fanclubs Green Devils sind, relaxen, sich von den Strapazen des Berufs und des Sports erholen. Gartenzwerge statt SG Rosengarten – so sieht ihr Programm demnächst aus.
„Weg“ ist sie damit nicht. „Ich denke schon, dass ich später ab und zu mittrainieren werde“, sagt sie – alleine, um fit zu bleiben und „um nicht gleich zuzulegen“.
Es sollen schon Wetten laufen, wann Annika Claus wieder zurückkehren wird. Davon hat die 34-Jährige auch gehört: „Einige meinen im Oktober, andere im Dezember“, sagt sie und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Am Samstag „ist Schluss, Aus, Ende“. Da gibt es keine Widerworte. Aber: Wenn „Not an der Frau“ ist, weiß die PSV, wo sie zu suchen hat. Auf einem ganz bestimmten Campingplatz in Holland. Dort, wo auch Gartenzwerge stehen.

 
Infos zum Spiel:
Neben Annika Claus werden am Samstag im letzten Heimspiel auch Andrea Surholt, Alexandra Wolf und Eva Reiner verabschiedet. Daniela Hannemann, die währen der Saison verletzungsbedingt ihre Karriere beenden musste, rückt in den Trainerstab auf.
Trainer Kai Harbach bedauert den Aderlass, wobei ihn vor allem der Abschied von Annika Claus schmerzt: „Das wird der am schwersten zu ersetzende Weggang sein.“Die Kreisläuferin sei „für einen Trainer die ideale Mannschaftssspielerin. Immer mit 100 Prozent Einsatz dabei, ob im Training oder Spiel. Und auch menschlich ist sie eigentlich nicht aus der Mannschaft wegzudenken“.
Der Trainer selbst zieht ein zufriedenes Fazit seiner ersten Saison in der 2. Liga. „Sicher mussten wir uns aneinander gewöhnen, aber das hat geklappt. Nach der Vorgabe von Platz sechs im letzten Jahr war uns aber klar, dass das nur ein schwer zu realisierendes Ziel werden würde. Aber wir haben es geschafft. Phasenweise lief es super, natürlich hatten wir auch schlechte Spiele dabei. Insgesamt gesehen aber denke ich schon, dass wir alle Vorgaben umgesetzt haben.“
Zwiespältig geht Harbach mit dem Verzicht auf die Teilnahme an den Play-off-Spielen um: „Auch wenn ich Verständnis für den Verein habe, hätte ich als Sportler diese Chance gerne gehabt.“
Für das letzte Spiel am Samstag gegen Harrislee hofft der Trainer auf einen erfolgreichen Abschluss: „Ich hätte mir für ein schönes Spiel zwar lieber einen anderen Gegner gewünscht, da Harrislee noch einen Punkt zum Klassenerhalt braucht. Aber auch so denke ich, dass wir genug Motivation besitzen, um die Saison mit einem Sieg zu beenden. Wichtig ist, dass alle Spielerinnen noch einmal ihren Spaß haben.“
Anwurf in der Halle Nord ist um 19 Uhr. Im Anschluss wird natürlich noch der Grill angeworfen.

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