Langsam zurück

Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder, als der, der ohne Ziel umherirrt. Was Gotthold Ephraim Lessing Mitte des 18. Jahrhunderts wohlfeil formulierte, hört sich im Dezember 2011 bei Christina Weber so an: „Reha ohne Ziel ist doof.“ Die Rückraumspielerin des Handball-Drittligisten PSV Recklinghausen arbeitet nach einem Kreuzbandriss im rechten Knie an ihrem Comeback.

Es war ein gutes Jahr für Weber. Sportlich lief es. Die PSV Recklinghausen hatte die erste Saison in der neu gebildeten 3. Liga auf dem respektablen dritten Platz beendet, Weber war wiederum beste Werferin ihres Teams gewesen. Dann kam der Donnerstag, 15. September. Ein normaler Trainingstag in der Vorbereitung. Er stufte die Bilanz des Jahres rapide in den Keller.

Dieses Datum hat Weber sofort parat. „Ich wollte bei einer Aktion nach links. Das Bein ist stehen geblieben. Es hat geknackst und ich habe gemerkt, dass etwas kaputt ist.“ Ihre Hoffnung, es sei „nur“ eine Verletzung des Innenbandes, was auch schon schwerwiegend genug gewesen wäre, erfüllte sich nicht.

Sie erhielt eine für Sportlerinnen und Sportler trotz Fortschritte in der Medizin immer noch niederschmetternde Diagnose: Kreuzbandriss. Dass sie die gleiche Verletzung vor fast fast genau zehn Jahren bereits am anderen Knie gehabt hatte, „da ist es auch beim Training passiert“, machte und macht die Sache nicht besser. „Ich wusste nur sofort, dass die aktuelle Saison gelaufen ist. Ein Jahr dauert es, bis das neue Kreuzband wieder die gleiche Festigkeit hat wie das alte.“

Vor zehn Jahren, Weber spielte bei Teutonia Riemke in der 1. Bundesliga, war klar, dass sie wieder Handball spielen wollte/würde. Im Alter von knapp 20 Jahren ist ein Karriere-Ende kein Thema. Diesmal schon. 2012 wird sie 30 Jahre alt. Mehr als die Hälfte ihres Lebens spielt die gebürtige Essenerin Handball, seit acht Jahren für die PSV Recklinghausen. Seitdem ist sie fast immer beste Torschützin des Teams gewesen – und das nicht nur, weil sie die erste Option beim Siebenmeter ist. Weber war/ist die Spielerin im Team, die den Ball bekommt – oder sich nimmt –, wenn ein Tor her muss. Die Rückraumspielerin ist technisch stark, hat ein gutes Auge für die Situation, die Mitspielerinnen. In der Abwehr steht sie im Mittelblock. Weber ist eine der Anführerinnen des Teams, das ohne sie derzeit in der Liga Probleme hat, sich von den Abstiegsrängen fern zu halten. „Zuletzt haben wir ja zwei wichtige Spiele in Folge gewonnen“, sagt Weber, die davon ausgeht, dass es auch nächste Saison die 3. Liga für die PSV Recklinghausen und damit auch für sie sein wird.

Recht schnell war nach einem Gespräch mit Trainerin Sandra Mroz klar, dass sie wieder spielen, werfen, gewinnen will. „Es gibt eine Absprache mit Stefanie Willebrand. Sie kann in dieser Saison nicht spielen, weil sie schwanger ist. Wenn sie im nächsten Jahr ihr Kind bekommen hat, will sie auch wieder angreifen. Wir haben gesagt, dass wir in jedem Fall noch eine Saison gemeinsam spielen wollen.“ Das Ziel ist klar formuliert. Der Weg dorthin aber ist mühsam, nervig bisweilen.

Krücken und eine Schiene, die nach der Operation zunächst verhindern sollte, dass sie ihr Knie über einen gewissen Winkel hinaus beugen kann, hat sie schon hinter sich gelassen. Sie darf wieder selber Auto fahren, geht ganz normal arbeiten und ist ihrem Arbeitgeber dankbar, dass es mit der Verletzung keine Probleme gab. Die diplomierte Betriebswirtin hatte erst am 1. September ihre neue Stelle angetreten. 15 Tage später fiel sie zunächst einmal aus.

Beim Handball ist das immer noch so. Sie kann nur moralisch und mit kleinen Tipps helfen. Zusammen mit Willebrand sitzt sie bei den Spielen auf der Bank, feuert ihre Mitspielerinnen an, fiebert mit. „Man ist dann aber völlig hilflos, kann nicht eingreifen. Das geht gar nicht.“ Soll aber auch kein Dauerzustand sein. Ende Januar, Anfang Februar darf sie voraussichtlich wieder das Knie soweit belasten, dass sie gehen, später auch laufen kann. „Das ich in dieser Saison kein Spiel mehr machen werde, ist klar. Ich setze mich da auch nicht unter Druck. Ich will nicht spielen, bis ich 40 Jahre alt bin. Aber ich will eben auch jetzt noch nicht aufhören.“

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